Interview mit Ivo Belet, der im Europäischen Parlament maßgeblich an der Verabschiedung der Reifenkennzeichnungspflicht beteiligt war.

"Die EU-Kommission sollte für die Bereitstellung umfangreicherer Informationen zu den einzelnen Kennzeichnungen sorgen"

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LANXESS: Könnten Sie für unsere Leser außerhalb Belgiens vielleicht kurz den ungewöhnlichen Weg beschreiben, der Sie von der Karriere als Journalist und Anchorman im Fernsehen ins EU-Parlament geführt hat? Mit einem Studium in Germanistik und deutscher Literatur entsprechen Sie nicht unbedingt dem typischen, zukünftigen Mitglied des Europäischen Parlaments. Was bewog Sie dazu, als MEP aktiv zu werden? 
 
Ivo Belet: Nachdem ich mein Germanistikstudium (an der KU Leuven) beendet hatte, entschied ich mich dazu, meinen Magister in Betriebswirtschaft (an der Universität Hasselt) zu machen. Im Anschluss vergingen etwa 15 Jahre, in denen ich für VRT, dem Flämischen Rundfunk, als Sprecher für diverse Sendungen im Nachrichtenbereich tätig war. Nun, zwischen dem Gebiet des Journalismus´ und dem der Politik lassen sich ja allerhand Parallelen ziehen.

Angefangen damit, dass der Journalist sich mit denselben Fragen und Problemen auseinandersetzt, wie der Politiker. Was die beiden voneinander unterscheidet, ist hier lediglich die Perspektive. Als mich die CD&V (die Christlich-Demokratische und Flämische Partei) als Kandidat für die Europawahl 2004 ins Rennen schicken wollte, regten sich in mir, zugegeben, schon gewisse Zweifel.

Meine Zustimmung bedeutete schließlich die Überschreitung des Rubikon und war alles andere als eine Entscheidung, die man mal eben zwischen Tür und Angel trifft. So kam es dazu, dass ich meine unheimlich spannende Welt (Rundfunk) verließ und mich der nicht minder interessanten Welt der Europäischen Politik zuwandte. 

LANXESS: Als Teil des Parlaments waren Sie natürlich auch an der großen Debatte um die Europäische Kennzeichnungspflicht für Reifen beteiligt, die ab November dieses Jahres in Kraft tritt. Welche Punkte wurden von der EU besonders kritisch betrachtet und worin bestand bei diesem Thema der meiste Diskussionsbedarf in Brüssel? 

Belet:
In meiner Rolle als Berichterstatter war ich dafür verantwortlich, dass der Vorschlag auf dem Tisch des EU-Parlaments landet. Damit es so weit kommt, muss zuerst eine Mehrheit sichergestellt werden. Kann diese im Industrie- und Energieausschuss erzielt werden, wird die endgültige Entscheidung im Rahmen einer Vollversammlung des EU-Parlaments gefällt. 
 
Es gab einige, die ihren Missmut über dieses Vorhaben äußerten; jeden Reifen mit einer Kennzeichnung zu bekleben, erschien vielen schlichtweg unnötig. Aber uns ging es in erster Linie darum, sicherzustellen, dass die gesamte Verantwortung nicht auf die Reifenhändler abgewälzt würde. Konkret heißt dies, dass die entsprechende Kennzeichnung der Reifen von den Herstellern gewährleistet sein muss, ehe diese in den Handel gegeben werden.

Ferner sollte die EU-Kommission für die Bereitstellung umfangreicherer Informationen zu den einzelnen Kennzeichnungen sorgen. Verbraucher können künftig die Berechnung der effektiven Treibstoffeinsparung mittels eines Online-Berechnungstool durchführen und somit einfach und schnell herausfinden, welche Vorteile der Einsatz spritsparender Reifen mit sich bringt. 

LANXESS: Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Vorteile für private und berufliche Verkehrsteilnehmer? 

Belet: Gegenwärtig sind sich nur die wenigsten Fahrzeugführer darüber bewusst, dass ihre Reifenauswahl entscheidenden Einfluss auf den Kraftstoffverbrauch und den CO2-Ausstoss hat. Dies wird sich nun ändern.   
 
LANXESS: Was meinen Sie, wie lange es dauern wird, ehe sich die Verbraucher an die Reifenkennzeichnung gewöhnt haben und sich alles eingespielt hat?

Belet: Sind wir ehrlich: die Anzahl derer, die ihre Fahrzeugreifen einmal oder häufiger pro Jahr komplett austauschen, dürfte wohl relativ gering sein. Deshalb ist es wichtig, den Verbrauchern einen angemessenen Zeitraum zu geben, um sich an die neue Kennzeichnungspflicht zu gewöhnen.

So konnten wir die Kommission von der Umsetzung eines
Auswertungsprogramms überzeugen, das im Anschluss an die dreijährige Einführungsphase stattfinden wird. In diesem Zusammenhang wird in erster Linie festgestellt, wie gut und wie weit Verbraucher über das Kennzeichnungssystem Bescheid wissen.

Es stellt auf jeden Fall einen großen Vorteil dar, dass das gleiche Kennzeichnungssystem bereits für Kühlschränke und Haushaltsgeräte eingesetzt wird. Damit haben es Verbraucher definitiv leichter, sich mit dem System anzufreunden. Schwierig wird es allerdings, wenn es darum geht, sich zwischen den relativen Umweltvorteilen zu entscheiden, die aus niedrigerem Benzinverbrauch und der Verkürzung des Bremsweges resultieren. Wir sind jedoch zuverlässig, dass sich dieses Problem schon in Kürze dank des konstanten Fortschritts in der Technologie von selbst lösen wird. 

LANXESS: Erwarten Sie in naher Zukunft noch Abänderungen der gesetzlichen Rahmenbedingungen für die Reifenkennzeichnung? Können Verbraucher davon ausgehen, dass die EU nach der Einführungs- und anschließenden Auswertungsphase Änderungen vornehmen wird?

Belet: Grundsätzlich gilt folgendes: Sobald die Auswertungsphase beendet ist, muss die Kommission dem EU-Parlament einen umfangreichen Bericht vorlegen. Werden Änderungen in Betracht gezogen, so müssen diese als Vorschläge im Bericht enthalten sein.

Die Kommission wurde dazu angewiesen, bei der Unterbreitung etwaiger Änderungsvorschläge immer konform mit dem gegenwärtigen Stand des Fortschritts zu gehen. Beispielsweise können auf dem Markt derzeit keine Reifen angeboten werden, die die beiden Kriterien (niedriger Spritverbrauch und Sicherheit) für Kategorie A erfüllen. Sollten sich hier in naher Zukunft Änderungen ergeben, sind entsprechende Anpassungen der Kategorien natürlich unumgänglich.

LANXESS: Welche Kriterien müssen erfüllt sein, damit die Reifenkennzeichnungspflicht sowohl für Europa als auch für Sie aus persönlicher Sicht ein erfolgreiches Unternehmen darstellt? 

Es wäre toll, wenn das Kennzeichnungssystem so gut von den Verbrauchern angenommen würde, dass wir in einigen Jahren sogar eine Neustrukturierung der Kategorien in Erwägung ziehen müssten.

Allgemein wäre es sehr erfreulich, wenn die Verbraucher eines Tages selbst den Standpunkt vertreten, dass der Einsatz von kraftstoffsparenden Reifen nicht nur ihrem Portemonnaie, sondern auch der Umwelt zu Gute kommt. 
Nun stellt die Einführung der Reifenkennzeichnung ja auch einen Schritt in die Richtung der angestrebten „grünen” bzw. „nachhaltigen“ Mobilität dar.

LANXESS: Was sind Ihre Einschätzungen hinsichtlich der weiteren Entwicklung dieses Plans?

Belet:
Die 20/20/20-Strategie markiert einen der Meilensteine in der Umweltpolitik der EU. Demnach muss bis zum Jahr 2020 eine Verminderung des Energieverbrauchs um 20% erfolgt sein. Einen wichtigen Aspekt nimmt dabei der Transport ein. Um es auf den Punkt zu bringen: Das wesentliche Ziel dieses Plans ist der deutliche Rückgang unserer Kraftstoffabhängigkeit. Zugleich steht dabei die Realisierung einer Entlastung für die Umwelt (verminderter Spritverbrauch = verminderter CO2-Ausstoss). 

Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir unmittelbar vor einer Wende hinsichtlich der Kraftstoffeffizienz von Reifen und Autos stehen. Wenn man es genau nimmt, befinden wir uns sogar schon mittendrin. Außerdem gehe ich davon aus, dass die hohen Spritpreise gewiss sowohl zu einer Beschleunigung dieses Wandels beitragen, als auch den Drang zur Entwicklung von Hybrid- und Elektroautos verstärken werden. 

 

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